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Brinkmanns
Zorn
Deutschland, 2006
| Produktionsfirma: | Harald
Bergmann Filmprod./WDR |
| Verleih: | Neue
Visionen |
| Länge: | 110 Minuten |
| FSK: | ab 12; f |
| Produktion: | Harald
Bergmann, Wilfried
Reichart |
| Regie: | Harald
Bergmann |
| Buch: | Harald
Bergmann |
| Kamera: | Harald
Bergmann, Elfi
Mikesch |
| Schnitt: | Harald
Bergmann |
| Darsteller: | Eckhard
Rhode (Rolf Dieter Brinkmann), Alexandra
Finder (Maleen Brinkmann), Martin
Kurz (Robert Brinkmann), Rainer
Sellien (Henning), Isabel
Schosnig (Linda), Baki
Davrak (Konrad) |
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| Kurzkritik |
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O-Töne aus einer Lesung des Literaten
Rolf Dieter Brinkmann (Cambridge 1975),
Super8-Filme aus dem Nachlass des Dichters
sowie deren szenische Umsetzung mit
Darstellern vereinen sich durch eine
rhythmisch kongeniale Montage zu einem
kraftvollen, stimmigen und mitreißenden
Literaturfilm, der die Wut des Dichters
gegen den Literaturbetrieb ebenso wie
die Hässlichkeit der herrschenden Zustände
spürbar macht. Zudem vermittelt sich
nachhaltig, wie leidenschaftslos die
aktuelle deutsche Gegenwartsliteratur
ist. - Sehenswert ab 16.
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Kritik aus Filmdienst 37969: „Ab und
zu mal ein Geräusch machen!“ – „Sprechen gegen den
Unsinn der Gegenwart, gegen den Unsinn der Vergangenheit!“
Wie gelingt die Annäherung und Fixierung von Gegenwart?
Der Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann (1940–1975)
wurde in den vergangenen Jahren als einer der bedeutendsten
frühen Pop-Literaten wiederentdeckt, besser: gehandelt.
Das beruht auf einem eklatanten Missverständnis,
denn die Texte Brinkmanns haben nichts, aber auch
gar nichts mit den oberflächlichen Flaneuren der
bunten Warenwelten zu tun, die einem seit Stuckrad-Barre
als „Pop“ angedient werden sollen.
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Brinkmann sorgte einerseits (gemeinsam mit Ralf-Rainer
Rygulla) für die frühe Rezeption amerikanischer
Beat-Literatur und deren origineller Cut-Up-Techniken,
andererseits zeigte er sich als äußerst rabiater,
ja verzweifelter Kritiker der bundesdeutschen Spießer-Renaissance
der 1960er-Jahre. Pop und die Rekonstruktion von
Alltag stehen bei Brinkmann noch klar für Dissidenz
und Gegenkultur, während heutzutage alles „Pop“
ist. In den späten 1960er-Jahren, nach der Veröffentlichung
der Textsammlung „Acid“, gewann Brinkmann im Rekurs
auf die Sprachphilosophie Fritz Mauthners die Einsicht,
dass konventionelles Schreiben, Sprache, Wörter
als Mittel der Welterkenntnis völlig untauglich
sind. Brinkmann schrieb aus Spaß weiter, für sich,
sah darin auch einen Akt des Widerstands gegen die
lärmend konsumierende Umwelt: „Man ist ja nicht
zufrieden mit sich, wenn man nicht jeden Tag etwas
gekauft hat.“ In den folgenden Jahren wandte er
sich Cut-Up-Techniken zu und experimentierte mit
Fotografie und Tonbandaufnahmen. Seine sich anschließenden
Veröffentlichungen gerieten zu komplexen Wort-Bild-Collagen,
deren Schreibprogramm sich am besten im Titel eines
Bands formuliert findet, der erst 1987 aus dem Nachlass
veröffentlicht wurde: „Erkundungen für die Präzisierung
des Gefühls für einen Aufstand: Reise Zeit Magazin“.
1975 wurde Rolf Dieter Brinkmann nach einer Lesung
in Cambridge (die im Film auch zu sehen ist) in
London bei einem Verkehrsunfall getötet. Die faszinierenden,
mehrstündigen Tonband-Dokumente, eine Art höchst
subjektiver Zeitmitschrift, wurden 2005 unter dem
Titel „Wörter Sex Schnitt“ in einer famosen Fünf-CD-Box
veröffentlicht und begeistern gerade durch die Präsenz
von Brinkmanns abenteuerlichem Furor gegen den Literaturbetrieb,
gegen Marcel Reich-Ranicki, die Stadt Köln, das
Familienleben und die Hässlichkeit der herrschenden
Zustände im Allgemeinen.
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Der Filmemacher Harald Bergmann, bekannt durch
ungewöhnliche, Maßstab setzende Literaturverfilmungen
wie „Hölderlin-Comics“ (1993/94) oder „Scardanelli“
(fd 35 497) hat diese O-Töne aus dem Nachlass und
den Super8-Filmen des Dichters genommen und sie
mit einigen Darstellern szenisch umgesetzt, nachgestellt,
zum Leben erweckt, den „Film in Worten“ (Buchtitel)
mit den Mitteln der Fiktion zum Laufen gebracht.
Herausgekommen ist dabei ein ungewöhnlich kraftvoller
Film, der Brinkmanns „Rap“ rhythmisch kongenial
montiert und zu einem stimmigen, mitreißenden Porträt
formt. „Brinkmanns Zorn“ ist ein absoluter Glücksfall
von einer Literaturverfilmung, rasant, mitreißend,
zornig, unterhaltsam und klug. Bergmanns ebenso
mutiger wie radikaler Ansatz, der Stimme, Bilder
und Texte zur fiktionalen Fabrikation eines scheinbar
dreidimensionalen Wiedergängers nutzt, wird der
Arbeit des Porträtierten gerade dadurch gerecht.
Hat man als Zuschauer die Dringlichkeit von „Brinkmanns
Zorn“ gesehen, erlebt, durchlitten, erfahren, wird
klar, wie schwach, anämisch und leidenschaftslos
die deutsche Gegenwartsliteratur ist. Von den aktuellen
so genannten Pop-Literaten gar nicht erst zu reden.
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Ulrich Kriest |

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