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22.04.2010 um 17:30 Uhr und 20:00 Uhr
Das weiße
Band -
Eine deutsche Kindergeschichte
Schwarz-weiß. Deutschland/Österreich/Frankreich/Italien,
2009
Drama
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Produktionsfirma:
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X Filme Creative Pool/Wega Film/Les Films du
Losange/Lucky Red
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Verleih:
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X Verleih
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Länge:
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144 Minuten
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FSK:
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ab 12; f
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| Regie: |
Michael Haneke
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| Buch: |
Michael Haneke
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| Kamera: |
Christian Berger
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| Schnitt: |
Monika
Willi |
| Darsteller |
Leonie Benesch (Eva), Josef Bierbichler (Regisseur),
Rainer Bock (Arzt), Christian Friedel (Lehrer),
Burghart Klaußner (Pastor), Steffi Kühnert (Frau
des Pastors), Ursina Lardi (Baronin), Susanne Lothar
(Hebamme), Gabriela Maria Schmeide (Frau des Regisseurs),
Ulrich Tukur (Baron)
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| Kurzkritik |
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Ein Dorf im Nordosten Deutschlands wird 1913/14 von rätselhaften
Zwischenfällen heimgesucht. Rückschauend erinnert sich der Lehrer in
einer chronikhaften Off-Erzählung an die gewaltsamen Vorkommnisse, deren
Hintergründe nie geklärt werden. In konzentrierten Schwarz-Weiß-Bildern
entwirft Michael Haneke mit großer erzählerischer Meisterschaft das
Bild eines gespenstischen Mikrokosmos, der so sehr auf Abhängigkeit,
Angst und Unterwerfung gebaut ist, dass der Ausbruch des Ersten
Weltkriegs wie ein Ventil erscheint. Ein visuell und inszenatorisch
bestechendes Drama über die Genese einer autoritätshörigen Gesellschaft
aus dem Geist preußisch-protestantischer Untugenden. (Kinotipp der
katholischen Filmkritik) - Sehenswert ab 16. |
Kritik aus Filmdienst 39527: Die Stimme aus dem Off kommt von weit her, aus einer fernen, fremden und
doch seltsam vertraut erscheinenden Zeit, was unter anderem auch am
altväterlichen Tonfall des Erzählers liegt, der sich an Ereignisse am
Vorabend des Ersten Weltkriegs erinnert: Mit seiner chronikhaften
Schilderung will der betagte Lehrer jedoch weniger seine eigenen
Erlebnisse rekapitulieren, als vielmehr ein „erhellendes Licht“ auf die
Gegenwart werfen.
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Ort des Geschehens ist ein protestantisches Dorf im Nordosten
Deutschlands, das im Sommer 1913 von einer Reihe seltsamer Unfälle und
Gewalttaten aufgeschreckt wird. Es beginnt mit dem drastischen Sturz des
Arztes, dessen Pferd beim Ausreiten über ein zwischen den Bäumen
gespanntes Seil stolpert, wodurch sich der Arzt das Schlüsselbein
bricht. Wer und warum dem Mediziner etwas antun wollte, bleibt ein
Rätsel. Dann kommt die Frau eines Kleinbauern im Sägewerk zu Tode. Ein
Unglück, für das ihr ältester Sohn den Gutsherrn verantwortlich macht,
von dem viele am Ort abhängig sind. Aus Rache verwüstet er am
Erntedank-Sonntag den Kohlgarten des Guts. Als auch noch ein Kind des
Barons vermisst und erst am nächsten Morgen schwer misshandelt nach
Hause gebracht wird, gerät das soziale Leben in Aufruhr. Der Baron setzt
den Hauslehrer, das Kindermädchen und die Tochter des verwitweten
Kleinbauern vor die Tür, mit drastischen Folgen für deren Familien.
Seine eigene Frau verschwindet mit den Kindern nach Italien. Wochen
später geht die Scheune des Guts in Flammen auf, das Baby des Verwalters
holt sich am offenen Fenster beinahe den Tod, ein behinderter Junge
wird mit zerschlagenem Gesicht an einen Baum gebunden. Da die brutalen
Zwischenfälle nicht abreißen, tritt die Polizei auf den Plan, doch die
Ermittler aus Berlin reisen unverrichteter Dinge wieder ab. Einzig der
Lehrer erahnt Zusammenhänge zwischen den mysteriösen Vorkommnissen, die
mit den älteren Kindern aus dem Dorf zu tun haben müssen. |
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Der in Sütterlinschrift ziselierte Untertitel des Films „Eine deutsche
Kindergeschichte“ zielt freilich keineswegs auf einen kriminalistischen
Plot, auch wenn der Film einen großen Teil seiner Spannung aus der
bohrenden Frage nach den Ursachen der gewalttätigen Vorgänge bezieht.
Zwar lässt sich angesichts des mit Theodor-Fontane-Gestus episch flüssig
erzählten Dramas beinahe schon von einer inszenatorischen
Neuausrichtung bei Michael Haneke sprechen (oder zumindest von einer
Rückbesinnung auf sein Frühwerk „Die Rebellion“, 1992, nach Joseph
Roth), wobei Haneke konziser und handlungsorientierter als je zuvor
inszeniert und die episodische Struktur inklusive einer Vielzahl an
Figuren und Ereignissen mit souveräner Leichtigkeit handhabt; doch die
verdichtete Spiegelung destruktiver Verhältnisse in kindlichen
Lebenswelten zählt seit „Benny Video“ (fd 30 298) durchaus zum
Kernbestand seines filmischen Schaffens. |
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In „Das weiße Band“ erweitert Haneke den inhaltlichen Radius seines
Oeuvres um eine historische Dimension: die der schwarzen Pädagogik und
insbesondere der Genese autoritäts- und obrigkeitshöriger Charaktere.
Die Titelmetapher spielt dabei auf eine Erziehungsmethode im Hause des
protestantischen Pfarrers an, der seine beiden älteren Kinder an
Unschuld und Reinheit erinnern will, indem er ihnen eine weiße Schleife
ans Revers heftet. Hier herrscht ein kalter, unbarmherziger Geist, vom
„Herrn Vater“ wortreich, aber auch mit der Rute eingebläut; an Empathie,
Mitgefühl oder gar (entwicklungs-)psychologische Einsichten ist nicht
zu denken; was zählt, sind einzig Gehorsam, Unterordnung und Disziplin.
Das Resultat ist eine hartherzige Verstocktheit, die den Kindern
physiognomisch ins Gesicht geschrieben steht: Ohne Widerstand, aber
spürbar mit abgründigem Hass lassen die Heranwachsenden die väterlichen
Strafexzesse über sich ergehen. Als der Lehrer der Wahrheit schließlich
doch nahe kommt und das Vertrauen des Pfarrers sucht, erlebt er die
Kehrseite dieses bigotten Verhaltens: Verdrängung, Leugnung und den
Zwang zur Uniformität. |
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Was der Film am preußisch-protestantischen Pfarrhaus im Detail seziert,
die „Perversion von Idealen, wenn sie in soziale Normen überführt
werden“ (Haneke), prägt in Varianten auch die anderen Sphären: die Ehe
des Barons oder das (Missbrauchs-)Verhältnis des Arztes und der Hebamme,
vor allem jedoch das Leben der Bauern und Tagelöhner, die kinderreich
und bettelarm, auf die wirtschaftliche Einbindung in die Gutswirtschaft
angewiesen sind. Doch die im Wechsel der Jahreszeiten und der
urwüchsigen Landschaft noch versinnbildlichte, über Jahrhunderte
gewachsene Ordnung ist auch in der mecklenburgischen Provinz längst
„modernen“ Abhängigkeiten gewichen, die sich auf der einen Seite an
Rentabilität und Eigennutz orientieren, auf der anderen aber ein
wachsendes Maß an Verarmung und ohnmächtiger Wut hinter sich her ziehen.
Die Spannungen dieses gespenstischen Mikrokosmos sind so immens, dass
die Nachricht von der Ermordung des österreichisch-ungarischen
Thronfolgers in Sarajewo am 28. Juni 1914 sowie der Kriegserklärung an Serbien fast schon wie eine Befreiung
wirkt, wie ein Ventil, durch das sich das aufgestaute
Aggressionspotenzial demnächst entladen kann. Dass sich darin auch eine
tiefgreifende Umwälzung aller Lebensbereiche ankündigt, liegt in der
Logik dieser Zuspitzung. |
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Dennoch zögert man, „Das weiße Band“ als historischen Film zu
charakterisieren, weist er doch trotz seiner erstaunlich authentischen
Anmutung weit über die Epoche und ihre Umstände hinaus. Das hat primär
ästhetische Gründe: Hanekes Film ist ein zeitloses, in sich ruhendes
Meisterwerk, eine in noch nie gesehenen Schwarz-Weiß-Nuancen
fotografierte August-Sander-Welt, die primär für sich steht, auch wenn
die interpretatorischen Pfade und ihre Einbindung in aktuelle Diskurse
alles Recht auf ihrer Seite haben. Hanekes in langen Jahren erprobte
Methode episodisch-intellektuellen Filmerzählens findet hier zu einer
kristallinen Klarheit und Dichte, die in Verbindung mit einem langen
Erzählatem seinem Ideal ziemlich nahe kommen: so konkret und sinnlich
wie möglich zu sein, den Menschen und ihren Lebensumständen nahe zu
kommen, und gleichzeitig der Abstraktion kreative Zugänge zu eröffnen. |
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Allein wie er hier die bedrängenden Existenzschilderungen durch die
verhaltene Liebesgeschichte des Lehrers mit dem Kindermädchen austariert
oder die Kamera mit einer Hand voll Totalen den Wechsel der
Jahreszeiten protokolliert, hebt „Das weiße Band“ weit über
vergleichbare Produktionen hinaus. An Wunder grenzen das Casting und die
intensive Arbeit mit den Schauspielern (darunter auch viele Kinder),
die einzeln zu würdigen jeden Rahmen sprengen würde. „Das weiße Band“
ist deshalb vieles in einem: ein großartiger, von einem absoluten
Formwillen durchdrungener Film, der als visuell bestechendes Bilderbuch
des ländlichen Lebens Anfang des 20. Jahrhunderts den Diskurs über diese
Zeit und ihre Widersprüche bereichert und in einer Weise über
preußisch-deutsche (Un-)Tugenden reflektiert, die ihresgleichen sucht. |
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Josef Lederle |

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