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Ein von Räubern erschlagener
Mann kehrt ins Lebens zurück. Obwohl er sein Gedächtnis verlor, gelingt es ihm
mit Einfallsreichtum, Hartnäckigkeit und durch die Liebe einer
Heilsarmee-Angehörigen, wieder Fuß zu fassen. Modernes sozialkritisches Märchen
mit religiösen Untertönen, das die Geschichte einer Menschwerdung erzählt und
den Traum von Nächstenliebe und Solidarität durchbuchstabiert. Ein in satten
Technicolor-Farben eindrucksvoll gestalteter Film, der sich durch Stilwillen,
Situationskomik und poetische Imagination auszeichnet und von überzeugenden
Hauptdarstellern getragen wird. (Preis der Ökumenischen Jury Cannes 2002,
"Film des Monats" der Jury der Evang. Filmarbeit 11/2002) -
Sehenswert ab 16.
Ausführliche Kritik aus film-dienst Nr. 23/2002
Als Anfang 1994 eine Gruppe
von Grundschülern im Auftrag der finnischen Tageszeitung „Helsingin Sanomat“
ausgewählten Personen der Öffentlichkeit einen Fragekatalog zusandte,
versuchten sich die meisten Prominenten möglichst witzig zu geben. Aki
Kaurismäki hingegen nahm die kindliche Wahrnehmung ernst und antwortete auf die
Frage „Was ist der Sinn des Lebens?“: „Er besteht darin, einen persönlichen
Moralkodex zu entwickeln, der die Natur und den Menschen respektiert, und
schließlich – ihn zu leben.“ Die Maxime zieht sich seit nunmehr 20 Jahren wie
ein roter Faden durch das Werk des trink- und feierfreudigen, dabei aber seine
Sinne stets beisammen habenden Cineasten, dem eine geistig-seelische
Verwandtschaft zu Tati und Chaplin unterstellt werden darf. Bei allem Gespür
für Humor, der allerdings deutlich lakonischer ausgeprägt ist als bei seinen
Vorbildern, verliert der „Schutzpatron der Hoffnungslosen“ nie die Würde seiner
Protagonisten aus den Augen. Nach einer vierjährigen
Schaffenspause konnte Kaurismäki 2002 gleich zwei Filme fertigstellen: „Dogs
Have No Hell“ (eine Kurzfilm-Episode des „Ten Minutes Older“-Projekts) und die
mehrfach prämierte optimistische Tragödie „Der Mann ohne Vergangenheit“. Vier
Jahre nach „Juha“ (fd 33 597) verfügt der neue Kaurismäki über alles, was seine
vorherigen Arbeiten auszeichnete: Stilwillen, Situationskomik, poetische
Imagination, stimmungsvolle Musik und Menschlichkeit jenseits von
Sentimentalität. Neu hinzu gekommen sind satte Technicolor-Bilder und relativ
viele, freilich unaufgeregte Dialoge. Ein Mann wird nach einem
Raubüberfall schwerverletzt ins Krankenhaus gebracht. Dort erklären ihn die
Ärzte wenig später für tot. Doch kaum dass sie das Zimmer verlassen haben,
erwacht der Mann und reißt sich den Verband wie einst Frankensteins Monster vom
Leib. Als coole Kreuzung zwischen Obdachlosem und Odysseus wandelt er
erinnerungslos durch die seltsam leeren Straßen Helsinkis, bis er in einem
ausrangierten Müllcontainer am Flussufer ein bescheidenes Domizil findet.
Versorgt mit Kleidern von der Heilsarmee, kehrt der Gedächtnislose mit
Hartnäckigkeit und Einfallsreichtum ins Leben zurück, freilich ohne zu wissen,
wer er eigentlich ist und woher er stammt. Mit der schüchternen
Heilsarmistin Irma knüpft er zarte Liebesbande. Nachdem sich die Jobvermittlung
vom Mann ohne Personalausweis und Sozialversicherungsnummer verschaukelt fühlt,
stellt er sich neuen Aufgaben der Geldbeschaffung. Sein Faible für Rock’n’Roll
bringt ihn auf die Idee, das stilistische Spektrum der betulichen
Heilsarmee-Musikkapelle umzukrempeln. Bei einem Streifzug durch das
Hafengelände beobachtet er Arbeiter beim Schweißen, probiert dies selbst,
entpuppt er sich als Meister des Fachs und soll fest angestellt werden, wenn er
über ein Gehaltskonto verfügt. Als er dieses bei der Bank eröffnen will, wird
er Opfer eines Überfalls und im Tresorraum eingesperrt, schließlich sogar der Komplizenschaft
verdächtigt. Zwar kann ihn ein von Irma gestellter Anwalt vor längerer
Untersuchungshaft bewahren, doch der Kommissar besteht auf einer Klärung seiner
Identität. Nachdem sein Foto im Fernsehen gezeigt wurde, meldet sich seine
Ehefrau. Nun steht der „Mann mit akuter Vergangenheit“ vor einem Problem. Soll
er seine neue Liebe verlassen und zu seiner Gattin zurückkehren, an die ihm
jede Erinnerung fehlt? In der Zusammenfassung klingt
der Inhalt leicht nach Kolportage oder Trash. Doch die weitgehend unprätentiöse
Inszenierung verwandelt diesen Stoff in ein modernes sozialkritisches Märchen,
das auf staunenswerte Weise in sich stimmig und schlüssig ist. Das finnische
Enfant terrible stellt sich dabei einmal mehr auf die Seite der von der
Gesellschaft Belächelten und Ausgestoßenen. In wundersam leuchtenden
Primärfarben zeichnet er seinen Traum von Solidarität und Nächstenliebe. Nach
dem brutalen Anfang lässt sich der Film zunächst Zeit, bis er zunehmend an
Tempo gewinnt. „Der Mann ohne Vergangenheit“ ist die Geschichte einer neuen
Menschwerdung, dem Ergreifen einer zweiten Chance, die das Leben nicht jedem
bietet. Der namenlose Protagonist hat eigentlich keine Chance, ergreift sie
dann aber mit beiden Händen. Dargestellt wird er von Markku Peltola, der nach
Kurzauftritten in „Juha“ und „Dogs Have No Hell“ seine erste Hauptrolle spielt.
Von der Physiognomie her ähnelt er Jean-Pierre Léaud, der in Kaurismäkis „I
Hired A Contract Killer“ (fd 28 801) mitwirkte. Der Unterschied zwischen den
beiden Akteuren: Peltola scheint mehr in sich zu ruhen als Léaud. Von der
Ausstrahlung gleicht er einem finnischen Robert Mitchum, der mit Gleichmut dem
Schicksal trotzt. Kati Outinen wurde dieses Jahr in Cannes für den etwas
blassen Part der Irma als beste Darstellerin geehrt; Peltola hätte den Preis
eher verdient. Er ist ein würdiger Nachfolger für den verstorbenen Matti
Pellonpää, der zahlreichen Filmen Kaurismäkis seinen Stempel aufdrückte.
Marc Hairapetian
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