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04.03.2010 um 17:30 Uhr und 20:00 Uhr
Tintenherz
USA/Deutschland/Großbritannien, 2008
Fantasyfilm, Literaturverfilmung
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Produktionsfirma:
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New Line Cinema/Internationale Filmprod. Blackbird
Dritte
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Verleih:
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Kino: Warner Bros.
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Länge:
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106 Minuten
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FSK:
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ab 12; f
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| Regie: |
Iain Softley
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| Buch: |
David Lindsay-Abaire
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| Kamera: |
Roger Pratt
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| Musik: |
Javier Navarrete
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| Schnitt: |
Martin Walsh
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| Darsteller |
Brendan Fraser (Mo Folchart), Paul Bettany (Staubfinger),
Helen Mirren (Elinor Loredan), Jim Broadbent (Fenoglio),
Andy Serkis (Capricorn), Eliza Bennett (Meggie Folchart),
Rafi Gavron (Farid), Jennifer Connelly (Roxanne)
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| Kurzkritik |
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Ein Mädchen gerät ins Visier eines
Fantasyroman-Schurken, dem der Vater
des Kindes dank der Gabe, durch Vorlesen
Fiktionales in die Wirklichkeit zu beschwören,
einst selbst Zugang zur Realität verschaffte.
Nun gilt es, die Pläne des Bösewichts
zu vereiteln, dessen Handlanger in die
Buchwelt zurückzuschicken und die verschollene
Mutter aus dem literarischen Kosmos
zu retten. Hochkarätig besetzte Adaption
des Fantasyromans von Cornelia Funke,
die die unzureichend ausgeloteten Figuren
aber etwas atemlos durch die Handlung
hetzt. Ein tricktechnisch perfekter,
inszenatorisch bisweilen aber holprig
umgesetzter Film, dem es trotz einiger
charismatischer Charaktere an emotionaler
Kraft mangelt. - Ab 14 möglich.
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Kritik aus Filmdienst 39052: Wenn es
darum geht, die eigene Lebenswelt für eine gewisse
Zeit zu verlassen, um ganz in ein geliebtes „Fandom“
einzutauchen, scheuen eingefleischte Anhänger des
Fantasy-Genres vor nichts zurück: Angetan mit spitzen
Elfen- oder Hobbit-Ohren, pilgern sie zu „Lord of
the Rings“-Conventions, treffen sich mit Zaubererhüten
und Kürbissaft zu nächtelangen „Harry Potter“-Lesungen
oder schlagen sich beim „World of Warcraft“-Rollenspiel-Marathon
ganze Wochenenden um die Ohren. Kein Wunder, ist
doch die Sehnsucht, die Grenze zwischen der schnöden
Alltagswelt und ihrem fantastischen Gegenstück zu
durchbrechen, selbst eine Lieblingsfantasie des
Genres: vom Kaninchenloch, durch das Alice in Lewis
Carrolls Klassiker ins Wunderland fiel, über den
alten Kleiderschrank als Portal in C.S. Lewis’ „Narnia“-Reich
bis zur Absperrung zwischen Gleis Neun und Zehn,
hinter der der magische Hogwarts-Express (in „Harry
Potter“) wartet.
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Seit den Anfängen der literarischen Fantastik
kann der Traum von der Transgression freilich auch
zum Albtraum werden, wenn Numinoses und Unheimliches
ins Vertraute einbricht. Genau das widerfährt der
zwölfjährigen Maggie, der jugendlichen Heldin von
„Tintenherz“, während sie zusammen mit ihrem Vater
Mortimer in der Villa der schrulligen Tante Elinor
nächtigt: Fensterglas splittert, Türen werden aufgebrochen
und eine Rotte unheimlicher Dunkelmänner, deren
Gesichter von rätselhaften Schrift-Tattoos verunstaltet
werden, fallen über die drei her und verschleppen
sie in die Festung des Schurken Capricorn. Dass
dieser genauso wenig wie seine Handlanger aus der
Wirklichkeit stammt und wie es ihn dennoch dorthin
verschlagen hat, das kann Mortimer seiner Tochter
erklären, ist er doch, wenn auch unfreiwillig, selbst
der Verursacher der ganzen Misere: Mortimer ist
eine „Silberzunge“, ein Mensch, der beim Vorlesen
kraft seiner Stimme das, was er liest, aus der literarischen
Möglichkeitswelt in die Realität hinüber beschwört
– allerdings um den Preis, dass im Gegenzug ein
realer Mensch in der Fiktion landet. Dies ist auch
der Grund, warum Meggie als Halbwaise aufwuchs;
denn als Mortimer einst seiner geliebten Ehefrau
aus dem Roman „Tintenherz“ vorlas, öffnete das nicht
nur für Gestalten wie Capricorn oder den rätselhaften
Staubfinger die Tür zur Wirklichkeit, sondern bannte
zum Ausgleich Meggies Mutter in die Welt des Buchs.
Nun ist es an Mortimer und seiner mutigen Tochter,
die Mutter zu retten und dafür Staubfinger, der
um seine verlorene Fantasy-Heimat und vor allem
seine Liebste Roxanne trauert, wieder zurückzuschicken.
Vor allem aber müssen sie Capricorns Machtgelüsten
Einhalt gebieten. Der will mit Hilfe von Mortimers
Silberzungen-Talent den „Schatten“, das schlimmste
Monster, das seine Romanwelt bereithält, herbeischwören
und sich an dessen Seite zum Diktator aufschwingen.
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Ohne den klassischen Kampf zwischen den Kräften
des Guten und des Bösen, den das Genre immer wieder
variiert, geht es also auch in der Adaption von
Cornelia Funkes Auftakt ihrer „Tinten“-Trilogie
nicht. Allerdings ist diese weit davon entfernt,
sich in schlichten Scharmützeln zwischen weißen
Rittern und dunklen Lords zu erschöpfen; Herzstück
ist vielmehr die Lust am Fabulieren selbst, die
Huldigung ans Erzählen als machtvollem schöpferischen
Impuls. Verhandelt wird die kreative Kraft des Wortes
dabei gleichzeitig als Gnadengabe und als etwas,
was Risiken und Gefahren birgt, steht es dem Erzähler
doch frei, wie er seine Welt gestaltet. Dass es
Cornelia Funke damit zum Status einer deutschen
Joanne K. Rowling und zu Übersetzungen in über 20
Sprachen geschafft hat, kommt nicht von ungefähr:
Nach dem literarisch noch etwas holprigen Start
ihrer Trilogie mit „Tintenherz“, bei dem die schöne
Idee, Zauberei und Geschichtenschreiben ins Verhältnis
zu setzen, noch an der moderat umständlichen Handlungsführung
krankte, wuchs die Autorin mit den weiteren Bänden
„Tintenblut“ und „Tintentod“ über sich hinaus: Bei
ihrem immer souveräner gehandhabten Mäandern durch
die verschiedenen Erzählwelten verdichtete sich
die Trilogie zur glaubwürdigen Auseinandersetzung
mit der Verantwortung gegenüber Fabulierlust und
Fantasie sowie dem Erwachsenwerden angesichts keineswegs
theoretischer Themen wie Freundschaft, Liebe und
Tod.
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Die filmische Adaption von „Tintenherz“ ist bezüglich ihrer Effekte
„State of the Art“, stolpert freilich über manches hinweg, was eines
ruhigeren, epischeren Atems bedurft hätte, um zur Entfaltung zu kommen.
Besonders fällt das bei der Zeichnung der Hauptfigur ins Gewicht: Der
jungen Eliza Bennett gelingt es kaum, Meggie angesichts der sich
überschlagenden Abenteuer und der Vielzahl der Figuren ein
eindrückliches Profil zu verleihen. Die versierten Charakterdarsteller,
die sie flankieren, tun sich leichter damit, auch mit wenig
Entfaltungsspielraum lebhafte Charaktere zu kreieren – von Helen Mirren
als versponnen-weltfremder und doch höchst willensstarker Tante Elinor
über Jim Broadbent als nicht minder schrulligen „Tintenherz“-Autor
Fenoglio, der in Verzückung gerät, als ihm zum ersten Mal eines seiner
Fantasie-Produkte in Fleisch und Blut gegenübersteht, bis zu Andi
Serkis, der dem Bösewicht Capricorn ein verschlagenes Gesicht gibt.
Höhepunkte sind die Auftritte von Paul Bettany als Staubfinger, der
seiner ambivalenten Gaukler-Figur eine Aura von Tragik und dem Film
damit ein Stück Emotionalität verleiht, zu der dieser ansonsten eher
selten findet. Wenn man es „Silberzunge“ Mortimer gleichtun und eine
Figur in die eigene Realität beschwören könnte, dann wäre Staubfinger
sicher der faszinierendste Kandidat dafür. Auch Bettanys Charisma sowie
die Qualitäten der anderen Nebendarsteller können nicht darüber hinweg
täuschen, dass der Film zwar eine unterhaltsame, aber nicht wirklich
verzaubernde Exkursion in die Welt der Fantasy ist. Auf der Erfolgswelle
des Genres surfend, knirscht es mitunter im dramaturgischen Getriebe,
mangelt es auch an inszenatorischer Dichte, wenn sich die Ereignisse
viel zu schnell und entsprechend nur fadenscheinig motiviert entwickeln.
Einmal mehr wurde zu stark darauf geachtet, die Schauwerte des Genres
zu bedienen und action- und effektvoll den digitalen geflügelten Affen
durchs Dorf zu treiben, statt Sensibilität für die Einzigartigkeit der
zu Grunde liegenden fiktionalen Welt zu entwickeln, für die Figuren, die
den Abenteuern Seele geben müssen. Immerhin: Auch Cornelias Funkes
Roman war, verglichen mit seinen beiden Fortsetzungen, ein eher
schwacher Einstieg, der sich dann aber um so souveräner entwickelte. So
bleibt zu hoffen, dass es der Kinoerfolg von „Tintenherz“ möglich macht,
auch die weiteren Teile verfilmt zu sehen – um so die schöne Roxanne zu
erleben, Orpheus, den Schwarzen Prinzen und den sadistischen Pfeiffer,
um die Stadt Ombra zu sehen, die Glasmänner, die Wandlerin, die Weißen
Frauen. |
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Felicitas Kleiner |

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