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Das Labyrinth der Wörter
| Frankreich, 2010 |
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Drama, Literaturverfilmung
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K.J.B. Prod./ICE3/France 3 Cinéma
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| Verleih: |
Kino: Concorde
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| Länge: |
82 Minuten
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| FSK: |
ab 6; f
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| Produktion: |
Louis Becker
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| Regie: |
Jean Becker
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| Buch: |
Jean Becker, Jean-Loup Dabadie
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Buchvorlage:
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Marie-Sabine Roger (Roman "Das
Labyrinth der Wörter" / "La
tête en friche")
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| Kamera: |
Arthur Cloquet
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| Musik: |
Laurent Voulzy
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| Schnitt: |
Jacques Witta
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Darsteller:
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Gérard Depardieu (Germain), Gisèle
Casadesus (Margueritte), François-Xavier
Demaison (Gardini), Claude Maurane (Francine),
Patrick Bouchitey (Landremont), Jean-François
Stévenin (Jojo), Claire Maurier (die
Mutter), Sophie Guillemin (Annette)
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| Kurzkritik |
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Ein etwa 50-jähriger einfacher Gelegenheitsarbeiter
lernt eine 95-jährige Seniorin kennen,
die ihm im Park aus Büchern vorliest.
Dies wird für den Mann der Anstoß, selbst
Romane zu lesen und sich auf seine Art
in die elegante Alte zu verlieben, was
nicht so recht zu ihm und seinem bisherigen
Umfeld passt. Eine liebevoll und behutsam,
emotional gleichwohl packend inszenierte
Paargeschichte aus der französischen
Provinz mit stark märchenhaftem Einschlag.
- Ab 16.
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Kritik (aus Filmdienst 40248):
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Die Prinzessin lächelt und sagt: „19.“ Während
der Jüngling neben ihr noch Mühe hat, die Tauben
in dem idyllischen Park zu zählen, weiß sie bereits
das Ergebnis. Aber der junge Mann gefällt ihr, also
lädt sie ihn zu sich auf die steinerne Bank ein.
Er zählt die Tauben anders, nach den Namen, die
er ihnen gegeben hat. Als er bei „Marguerite“ ankommt,
unterbricht sie ihn. „So heiße ich auch, aber mit
zwei ,t‘“. Ihr Vater habe es nicht so genau mit
der Rechtschreibung genommen. Das ist der Beginn
einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte in Märchengestalt.
Ort und Zeit spielen keine Rolle, obwohl es irgendwo
in der unberührten französischen Provinz sein muss,
dort, wo Jean Becker stets seine wundersamen, altmodischen
Filme dreht. In Frankreich kommen sie gut an, auch
„La tête en friche“, was so schön doppeldeutig klingt
und sowohl einen Hohlkopf wie ein brachliegendes
Gehirn meint.
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Becker ist 77 Jahre alt, er holt gerne die Zeit
seiner Jugend zurück, als das Leben noch einfach
war, ohne Hightech und anderen modischen Schnickschnack.
Seine Prinzessin ist im Film 95 Jahre alt, während
Germain, der junge Taubenzähler, um die 50 sein
soll, was man Gérard Depardieu fast sogar abnimmt.
Sechs Mal treffen sich die beiden auf der Parkbank,
um miteinander zu sprechen und einander vorzulesen.
Einmal lädt sie ihn nach Hause ein; und bei der
achten Begegnung entführt er sie. „Das Labyrinth
der Wörter“ ist kein übliches Kinomärchen, sondern
Seniorenkino in seiner schönsten Art, denn hier
wirkt nichts gekünstelt oder dediziert nostalgisch.
Der Film ist eine Art „amour fou“, denn die beiden
passen nicht zusammen. Margueritte war Wissenschaftlerin
bei der WHO, Germain verdient sein Geld als Gelegenheitsarbeiter
auf dem Bau oder dem Wochenmarkt, obwohl er am liebsten
Gärtner ist. Das Lesen fällt ihm nicht leicht; schon
in der Schule hatte er Probleme damit, wie die erste
Rückblende zeigt. Mit seiner Mutter, einer einfachen
Frau, die ihren Mann mit der Mistgabel attackierte,
kam er auch nicht so gut zurecht. Das ist heute
noch so, weil der ungelernte und übergewichtige
Loser in einem Wohnwagen auf dem Grundstück jenes
Hauses wohnt, in dem sie lebt.
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Germain hat eine Freundin. Diese ist Busfahrerin
und etwa Mitte 20. Sie ahnt nichts von Margueritte,
die immer ein Buch dabei hat, wenn sie in den Park
kommt. Wenn sie Germain vorliest, sieht er alles
plastisch vor Augen – die Ratten aus Albert Camus’
„Die Pest“ oder den Leoparden aus „Der Alte, der
Liebesromane las“ von Luis Sepulveda –, weshalb
er selbst anfängt, abends zu lesen. Becker inszeniert
dies als einen Moment der Entspannung und Anspannung
zugleich, wenn der unbeholfene Dépardieu das Buch
nimmt und stöhnend „Die Pest“ zu lesen beginnt.
Die Konsequenzen sind bald zu spüren: Er entfremdet
sich von seinen Kumpanen in der Kneipe, spricht
anders und interessiert sich nicht mehr für den
Tratsch der anderen. Dafür werden ihm die Mittagstreffen
mit Margueritte, die im Altersheim lebt, immer wichtiger.
Er überwindet sich und lernt, unterstützt von seiner
jungen Freundin Annette, das Vorlesen, als Margueritte
ihm eröffnet, dass sie erblindet. In der idyllischsten
Szene liegen Germain und Annette im Bett, er liest
stockend, sie ist dicht bei ihm und hört zu, ebenso
die schnurrende Katze. In der witzigsten Szene liest
er allein der vor ihm auf dem Küchentisch liegenden
Katze aus dem „Petit Robert“ vor, dem französischen
Duden, bis er das Buch entsetzt in die Ecke wirft,
weil dieses nur eine Tomatensorte kennt; in der
poetischsten Szene liest Margueritte Germain von
einer Liebe vor, die keine Liebesbekenntnisse braucht,
weil auch so deutlich wird, dass sich beide lieben.
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In „Das Labyrinth der Wörter“ gibt es Dialoge,
die alles auf den Punkt bringen – und eine ungewohnt
sanft fließende, helle Instrumentalmusik von Laurent
Voulzy, der seit den 1970er-Jahren eigentlich primär
Schlager singt. Die große Überraschung ist allerdings,
dass in einem Film von Jean Becker sich die sonst
allem Fremden so misstrauisch gegenüber stehenden
Provinzler in Gestalt von Germain so schnell auf
etwas Neues einlassen. In der behutsamen Inszenierung
wird die Geschichte zu einem Seniorenmärchen, bei
dem man nie so recht weiß, ob die Überwindung des
Quasi-Analphabetentums oder eine echte Liebesgeschichte
im Vordergrund steht. Diese ist keineswegs peinlich,
vielmehr sehr emotional gestaltet; inklusive der
kurzen Ratten-Schockbilder in Schwarz-Weiß oder
einer geheimnisvollen schwarzen Schnur in dem Kästchen,
das Germain von seiner Mutter erbt und das gar nichts
Märchenhaftes hat. Im Gegenteil: Zwischen den vielen
lieblichen Szenen schimmert oft eine gewisse Brutalität
durch, die vor allem Germains Mutter kennzeichnet.
Es geht um die Bedeutung von Familie und Freunden,
und wie immer findet Becker eine kleine Weisheit
für den Alltag: „Das Leben macht dir Versprechen,
die es nicht einhält.“
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Andrea Dittgen
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